Am Bärzelistag 2010 hat der Landvogt an der Harder-Potschete in Interlaken nach Jahrhunderten erstmals wieder das «Guetjahresbrot» verteilt. Ein alter Brauch wurde neu belebt. Hoch zu Ross, dem 2.-Jänner-Umzug vorausreitend, liess er von seinen Bediensteten an die 3000 feine Safran-Wastelen verteilen.
Das Hardermannli und sein Wybli, die beiden Hauptfiguren des Anlasses, zusammen mit dem bösen Mönch Harder, der einem Meitschi beim Holzsammeln nachgestiegen sein soll, wurden von einer grossen Gefolgschaft begleitet: Den rund 40 Holzmasken des Harder-Potschete-Vereins folgten gegen hundert Kinder mit selbstgebastelten Masken aus unterschiedlichen Naturmaterialien, Trychler und Tambouren. Zum ersten Mal mit dabei war der strenge Landvogt vom Schloss Interlaken. Doch er führte Gutes im Schilde: Nach alter Tradition verteilte er hoch zu Ross mit seinem Pfister, dem Landschryber, dem Rytknecht und seinen Bediensteten das «Guetjahresbrot» an die Bevölkerung. Reisige und Landsknechte achteten darauf, dass kein Vorwitziger es wagte, die Hand zweimal nach dem edlen Gebäck auszustrecken.
Alte Tradition – neu belebt
Die Landvögte im Berner Oberland verwalteten nach der Reformation im 16. Jahrhundert die Ländereien und waren für das Wohlergehen der Landbevölkerung gegenüber der Obrigkeit in Bern verantwortlich. Das Landvolk hatte dem Landvogt jährlich die Steuerzehnten abzuliefern. Das gute Einvernehmen zwischen dem Untertanenvolk und seinem Regierungsvertreter wurde mit gegenseitigen Geschenken aufrechterhalten. Die Landvögte spendeten «Guetjahresgaben» wie Brot, Wein und Geld, oder luden zu Neujahrsmählern.
Wastelen zum «Nüwen-Jahrs-Geschenk»
Die Wastelen, so hiessen die Guetjahresbrote, wurden nicht im Privathaushalt, sondern, wie im Kloster Interlaken, vom Pfister gebacken. In der Jahresrechnung von Landvogt Jakob Ernst aus dem Jahr 1645 steht dazu geschrieben: «... Item für die Wastelen, die man einem Herrn Schultheissen zu Unterseen, den Herren Predikanten, Landschryber, auch Unteramts- und Dienstlüten zum guten Jahr uszurichten pflegt» sei das Mehl von 4 Mütt (672 Liter) Dinkel verbacken worden. Das grosse Quantum, das verbacken wurde, lässt vermuten, dass viel mehr Personen mit Wastelen beschenkt worden sind. Tatsächlich steht dann in der 1707 abgelegten Jahresrechnung des Landvogts, dass 4 Mütt Dinkel, also gleich viel wie im Jahr 1645, zu Wastelen verbacken wurden, die man «der Burgschaft Unterseen und etlichen Gemeinden zum guten Jahr verordnet». Nach dem Idiotikon (schweizerdeutsches Wörterbuch) werden Wastelen im Kanton Bern erstmals im Jahr 1408 belegt. Der Volkskundler Christian Rubi schrieb in seiner kulinarischen Studie «Die Landvögte von Interlaken und das Neujahrsgeschehen im Bödeli»: «Im Bernerland war es Sitte, bestimmten Personen am Neujahr Waffeln oder Brote zu schenken, und zwar wenn möglich warm auf den Mittagstisch. Wastelen, wie man das mit Safran durchsetzte, brezelartige Gebäck nannte, wurde in der Klosterpfisterei auf diesen Tag hin jeweils in Unmengen hergestellt.» Auch aus einer Emmentalischen Landvogtsrechnung von 1643 weiss man, dass Wastelen zum «Nüwen-Jahrs-Geschenk» gehörten.
Einheimischer Luxus vom Bäckermeister
Da früher Weissmehlgebäck einen Luxus darstellte, durfte man es nur als Festtagsgebäck vom Thomastag an (21. Dezember) bis in den Januar backen. Weissmehl war der Obrigkeit vorbehalten. Das tägliche Brot wurde mit Dinkelmehl gebacken und war so auch für das gemeine Volk erschwinglich. Missbrauch kam auch in alten Zeiten immer wieder vor. Um diesem vorzubeugen, verfügten die Regierungen Gesetze und Erlasse. In der Berner Ratsverfügung vom 17. Oktober 1749 heisst es dazu: «Das man die pfister von St. Thomastag hin bis zum zwanzigsten tag lass bachen wiss brot und wasteller». Heute kann man den Luxusartikel wieder geniessen. Bäckereien in der Region bieten ab dem 21. Dezember bis zum 20. Januar die gluschtigen safrangelben Wastelen an. Guetjahresbrote schenkt man im Sinne der alten Tradition an Personen, die direkt oder indirekt durch das Jahr zum persönlichen Wohl beigetragen haben. Zum Beispiel also an Angestellte, Kunden, Gäste oder einfach an Freunde. Die Safran-Wastelen schmecken am besten mit Rauchfisch, Landrauchschinken oder einer dezent gewürzten Wild- oder Geflügelterrine. Dazu trinkt man einen spritzigen Weisswein, zum Beispiel einen Spiezer oder Oberhofner Riesling X Sylvaner.
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Guetjahresbrote waren ursprünglich eine Entlöhnung für Frondienste Die Schwellibrote |
Autor: André Dähler, Interlaken


